….ja wollen Sie Ihre Mutter denn verhungern lassen???

Ingrid Alsleben   28. November 2019   Kommentare deaktiviert für ….ja wollen Sie Ihre Mutter denn verhungern lassen???

Kein seltener Fall: die seit Jahren an Demenz erkrankte Mutter kann nicht mehr selbständig essen; auch mit ganz viel Hilfestellung gelingt es auf Dauer nicht, sie zu füttern. Nun wird der Tochter als Bevollmächtigter vorgeschlagen, die Mutter künstlich zu ernähren; das lehnt sie mit Hinweis auf die Patientenverfügung der Mutter ab. Darauf wird die Tochter gefragt, ob sie denn ihre Mutter verhungern lassen wolle – was wird sie wohl darauf antworten….?

Oder: was sollte sie darauf antworten?

Sie sollte entgegnen, dass die Frage so gar nicht gestellt werden darf! Denn es geht in diesem Endstadium der Demenz nicht ums Verhungern, sondern ums Sterben. Das ist für uns Laien schwer zu verstehen. Wir sind ja vermutlich alle mit dem Spruch „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ groß geworden. Und wenn jemand nicht mehr selber essen kann und nicht künstlich ernährt wird, dann muss das doch Verhungern sein….

Die aus meiner Sicht am besten zu verstehende Antwort darauf hat die englische Begründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders,  gegeben. Sie sagte:

Ein Mensch am Lebensende stirbt nicht, weil er nicht isst – er isst nicht, weil er stirbt.

Von einem Palliativarzt habe ich mir das so erklären lassen:

Wenn ein dementer Patient dauerhaft nicht mehr kommunizieren und sich nicht mehr bewegen kann, wenn er vollständig pflegeabhängig ist und keinerlei körperliche Reserven mehr hat, dann spricht man vom Endstadium der Demenz. In diesem Stadium „sagt“ der Körper „mein Leben geht nun zu Ende, ich fahre jetzt alle Prozesse runter, ich kann Nahrung und Flüssigkeit nicht mehr verarbeiten – lass mich damit in Ruhe – es geht ans Sterben“. Und weil das so ist, gibt es seit einigen Jahren bereits eine ärztliche Richtlinie, wonach künstliche Ernährung dementer Patienten in dieser Phase nicht mehr angezeigt ist.

Man kann das, was dann folgt mit dem Verlöschen einer Kerze vergleichen – die Schlafphasen werden immer länger, die Wachphasen immer kürzer; ein Organ nach dem anderen gibt seine Arbeit auf, u.a. auch die Nieren, die den Körper entgiften und so gelangt der Patient in eine Art natürliche Narkose und dämmert rüber…für mich ist das eine sehr tröstliche Vorstellung.

Gilt das Gesagte nur für an Demenz erkrankte Patienten?

Eine an Krebs erkrankte Freundin wollte ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr essen; alles gute Zureden, Appellieren an die Vernunft und den Überlebenswillen, alle Tricks und auch der leckerste Brei halfen nicht – sie aß nicht! Ähnlich war es bei der Großmutter – irgendwann kniff sie nur noch die Lippen fest zusammen, wenn ihr Essen angereicht wurde. Auch für die Freundin und die Großmutter gilt: der Körper weiß genau, wann die Zeit gekommen ist, das Leben zu Ende geht und er Nahrung und Flüssigkeit nicht mehr verarbeiten kann – eben weil es ans Sterben geht. Wir lassen also niemanden Verhungern, sondern wir erleben (und begleiten), das Lebensende.

 

Ingrid Alsleben, Rechtsanwältin in Gifhorn